17.11.94
Sehr (un-)geehrter Herr Schul-Senator (oder wie sie heißen..)
Ich frage mich wohl, ob sie ihre tollen Gesetzte welche sie so verabschieden, mit Skriptol und Gänsefeder, Edelfüllfederhalter, Parkerkugelschreiber oder per Computer verfassen. Und vor allem, verfahren sie hierbei mit Schönschrift oder machen sie sich eher Notizen?
Zu meiner Person: Ich ging bis einschließlich der siebten Klasse (4 Jahre Grundschule, 2 Jahre Förderstufe, Realschule) in Hessen zur Schule. Daraufhin zog ich (zu meinem Vater) nach Berlin, wo ich in einer Gesamtschule prompt Klassenbester wurde. Dies zeugt (da meine Leistungen vorher nur mittelmäßig einzustufen waren) von dem niederen Niveau der Berliner Schulen. Es wäre denkbar gut, dagegen etwas zu unternehmen. In meiner Freizeit betätige ich mich auch im Comiczeichnen. (Allerdings kein MickeyMouse oder Superman- der aus meiner Sicht beste Comic, der mir je untergekommen ist, ist Peter Pan von R.Loisel. (Das soll eine Empfehlung darstellen.)) Da bei Comics außer graphischen Darstellungen auch noch Schriftzeichen eine Rolle spielen, ist es recht nützlich diese so darzustellen, daß sie erkennbar sind. Was ich damit sagen will ist, daß (eigentlich fast) jeder schön und leserlich schreiben kann, wenn er die nötige Zeit besitzt. Der einzige mir bekannte Grund, schön schreiben zu können ist, daß andere lesen können, was man mit diesen Zeichen ausdrücken will und der Zweite, daß man wohl eher selten drumrumkommt, mal eine Bewerbung zu schreiben, welcher angeblich ein handschriftlicher Lebenslauf beigelegt sein soll. (Meiner Meinung nach, sollte man auch hier nicht zu verkrampft schreiben, weil dadurch ein falsches Bild über den Charakter entstehen könnte...) (Außerdem heißt es doch immer, daß sehr intelligente Leute oft eine Sauklaue haben- sollen wir etwa auf Wissenschaftler und Ärzte verzichten?) Meine Handschrift würde ich als miserabel bis grausam einordnen, wobei ich zugeben muß, daß ich sogar manchmal selbst Probleme habe, sie zu entschlüsseln. Glücklicherweise bin ich nicht sehr oft dazu gezwungen, derart schnell zu schreiben, daß es soweit kommt. Und jetzt frage ich mich, oder besser sie, (Sie müssens ja wissen...) was die z.B. geographischen Kenntnisse eines Menschen mit dessen Schriftbild zu tun haben. Wieso soll die Geo-Note eines Schülers darunter leiden, nur weil er keine Sonntagsschrift hat, oder zumindest, da er unter Zeitdruck steht, nicht in der Lage ist, sie bei den Tests einzusetzen. (Meiner Meinung nach, sollte auf die Schrift bis zur 4. Klasse geachtet werden, und nicht länger.) Was bitte hat Geschichte mit der deutschen Sprache zu tun, außer daß sie (hierzulande) zufälligerweise darin unterrichtet wird. Weshalb soll ich u.a. in Geschichte (zusätzlich) dafür bestraft werden, daß ich die Rechtschreibung der hiesigen Muttersprache nicht beherrsche?! Die Rechtschreibung ist doch ganz eindeutig einzig und allein Sache des muttersprachlichen Unterrichts. (Was einer ihrer Vorgänger wohl auch schon entdeckt/erkannt haben muß...) Jemand kann in Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde ein Ass sein und soll, nur weil er ein beschissenes Schriftbild und eine miserable Rechtschreibung hat, in all diesen Fächern eine ganze Note schlechter zensiert werden, und womöglich, vielleicht deshalb seinen von ihm angestrebten Abschluß nicht erhalten?! (Fehlt noch, daß man in Englisch für fehlende Deutschkenntnisse bestraft wird.)
Ich weiß nicht welcher Partei sie angehören (es interessiert mich auch nicht besonders..), und genausowenig die Argumente und Wege, mit denen sie diesen Blödsinn (ich hoffe ich beleidige sie nicht allzusehr) durchgebracht haben, aber kann ihnen versichern, daß das Niveau auf Berliner Schulen nicht durch solchen steinzeitlichen Humbug gesteigert werden kann. (Die Noten werden zwar allgemein schlechter, aber die Schüler werden deshalb auch nicht intelligenter.)
Mit der deutschen Rechtschreibung habe ich eigentlich, theoretisch im Großen und Ganzen keine besonderen Probleme. (Außer, daß ich Photo etc. aus bloßer Sturheit mit Ph schreib´ und ähnliches.) Ich strebe ein Versetzungszeugnis nach Abschluß der 10. Klasse des Gymnasiums gleichwertigen Abschluß an, und auch ihr toller Erlaß wird mich nicht daran hindern, dies zu erreichen. (Ich kann also getrost aus purer Sturheit weiterschmieren...) Aber, was mich tierisch (wenn sie mir erlauben, diesen Ausdruck zu benützen) anstinkt, ist daß ich schon mehrmals (wegen ihnen) um meine rechtmäßige Zensur betrogen wurde. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie deprimierend so etwas wirken kann. ("Ätzend", wenn sie gestatten. Da kann man dann ganz leicht ganz schlechte Laune kriegen, sogar aggressiv werden.) Allerdings hat mich das doch irgendwie recht wenig gejuckt. Aber was wirklich megaätzend (wenn sie gestatten) war, war der letzte Deutschaufsatz. Deutsch ist eigentlich ein Fach, welches mich unheimlich interessiert, was mir auch Spaß macht, welches mir auch keine Probleme bereitet und worin man (bei den unsrigen Bedingungen) ein gewisses Durchsetzungsvermögen benötigt, um mal zu Wort zu kommen (was wohl auch nicht grad´ meine Schwäche ist...). Jedenfalls hab´ ich mich bei dem letzten Aufsatz etwas verkalkuliert, und somit vier Seiten über einen gewissen Edgar W. formuliert, und vernahm auf akustischem Wege die Botschaft, daß die Stunden beendet sind, was mich daran hinderte, besagte vier Seiten ins Reine zu übertragen und erhielt als Belohnung (Danke Herr Senator) statt meiner wohlverdienten Zwei eine peinliche Drei. Besonders weniger gute Schüler (die wahrscheinlich eh schon um den Real-Abschluß kämpfen) sind betroffen, zwischen vier, fünf oder sechs sind die Unterschiede doch schon etwas gewaltiger als bei den besseren dreien. (Und jetzt stellen sie sich doch einmal vor, sie wären wegen einer unschönen Schrift nicht in ihr derzeitiges Amt gekommen.)
Ich möchte noch anmerken, das ich alle F/E Kurse besuche (falls es sie interessiert..).
Wenn sie es sich tatsächlich zugemutet haben, und bis hierhin alles gelesen haben, muß ich ihnen (wohl oder übel) etwas Respekt zukommenlassen, und (ohne wohl oder übel) danken.!..
(hochunachtungsvoll) Ein Schüler des 10. Jahrgangs.